Der Mythos: „Alles, was dich stört, bist du selbst“
Warum dieser Satz oft kompletter Quatsch ist
Diesen Satz hast du bestimmt schon gehört. Vielleicht sogar öfter. „Alles, was dich stört, bist du selbst.“ Klingt erst mal schlau. Reif, erwachsen. So nach: Ich hab mein Leben im Griff.
In Wirklichkeit sorgt dieser Satz bei vielen dafür, dass sie sich noch mehr zusammenreißen, noch mehr hinterfragen und noch weniger ernst nehmen, obwohl eigentlich genau das Gegenteil nötig wäre. Und ganz ehrlich: Wenn dieser Satz immer stimmen würde, müssten wir uns bei Respektlosigkeit, Grenzüberschreitungen und schlechtem Verhalten einfach nur denken: Ah ja, mein Thema. Merkst du selbst, oder?
Was kaum jemand weiß
Dieser Mythos ist entstanden, weil ein sinnvoller Gedanke komplett überzogen wurde.
Die ursprüngliche Idee war: Schau auch mal bei dir hin, statt immer nur die Schuld im Außen zu suchen.
Daraus wurde irgendwann: Alles liegt an dir.
Und das ist ein riesiger Unterschied. Viele Menschen benutzen diesen Satz heute wie eine innere Keule:
Du bist verletzt, dann hast du wohl noch ein Thema.
Du bist wütend, also nicht geheilt genug.
Du fühlst dich unwohl, dein Ego meldet sich.
Was dabei passiert:
* Du hörst auf, deiner Wahrnehmung zu vertrauen.
* Du suchst den Fehler reflexartig bei dir, selbst dann, wenn jemand objektiv Mist baut.
Das ist kein Bewusstsein. Das ist Selbstverunsicherung mit spirituellem Etikett.
Was Trigger wirklich sind
Ein Trigger ist keine Schwäche. Und auch kein Zeichen, dass du „noch nicht so weit bist“. Ein Trigger ist eine schnelle Reaktion deines Nervensystems. Schneller als Denken. Schneller als Vernunft.
Dein Körper erkennt etwas, das ihm bekannt vorkommt:
* Ablehnung
* Kontrolle
* Ignoriertwerden
* Druck
* Grenzüberschreitung
Und zack, Spannung, Wut, Rückzug, Tränen oder komplette Überforderung. Das heißt aber nicht automatisch: Du bist schuld. Es heißt erst mal nur: Hier passiert gerade etwas, das für dein System relevant ist. Manche Trigger haben mit alten Erfahrungen zu tun. Andere entstehen, weil gerade im Hier und Jetzt etwas nicht passt. Beides gibt es. Und beides ist okay.
Das Spiegelprinzip
Ja, es gibt Spiegel. Und ja, manchmal zeigen uns andere Menschen Dinge über uns selbst.
Zum Beispiel:
* wie schnell du Verantwortung übernimmst
* wie schwer es dir fällt, Nein zu sagen
* wie sehr du Harmonie brauchst
* wie empfindlich du auf Ablehnung reagierst
Aber, und das ist wichtig, ein Spiegel erklärt deine Reaktion, nicht das Verhalten des anderen.
Ein paar klare Beispiele:
Jemand ist respektlos, das ist kein Spiegel deiner inneren Respektlosigkeit.
Jemand überschreitet deine Grenze, das ist kein Zeichen, dass du Grenzen lernen sollst, indem du es aushältst.
Jemand manipuliert, das ist kein spirituelles Lernspiel.
Das Spiegelprinzip hört dort auf, wo Selbstverantwortung in Selbstbeschuldigung kippt.
Wann dieser Satz kompletter Unsinn ist
„Alles, was dich stört, bist du selbst“ wird dann gefährlich, wenn er benutzt wird, um:
* schlechtes Verhalten zu relativieren
* Grenzüberschreitungen schönzureden
* eigene Bedürfnisse kleinzumachen
* Gefühle wegzudrücken
* Verantwortung für andere zu übernehmen
Nicht alles, was dich triggert, will geheilt werden.
Manches will angesprochen, begrenzt odet beendet werden. Erwachsen sein heißt nicht, alles auszuhalten. Erwachsen sein heißt, unterscheiden zu können.
Was hinter starken Reaktionen oft wirklich steckt
Manchmal ist ein Trigger ein altes Thema. Dann lohnt es sich hinzuschauen:
Warum reagiere ich so stark?
Was erinnert mich daran?
Was hätte ich damals gebraucht?
Aber manchmal ist ein Trigger einfach ein Warnsignal: Hier stimmt etwas nicht. Das geht über meine Grenze. So will ich nicht behandelt werden. Und das ist kein Drama. Das ist gesunder Selbstschutz. Dein Körper ist oft ehrlicher als dein Kopf und definitiv ehrlicher als irgendwelche schlauen Sprüche aus dem Internet.
Wusstest du... ?
Dein Nervensystem unterscheidet nicht zwischen „alt“ und „jetzt“. Wenn etwas ähnlich klingt, sich ähnlich anfühlt oder ähnliche Machtverhältnisse hat wie früher, reagiert dein Körper sofort. Das ist keine Dummheit, sondern Biologie.
Zu viel Selbstreflexion kann dich unsicher machen. Wenn du bei jeder Irritation erst mal prüfst, was mit dir nicht stimmt, verlierst du irgendwann das Gefühl dafür, was du eigentlich brauchst.
Heilung heißt nicht, dass dich nichts mehr triggert. Heilung heißt oft nur: Du nimmst dich ernst, reagierst früher und bleibst nicht mehr ewig in Situationen, die dir nicht guttun.
Du musst nicht alles bei dir suchen
Du musst nicht alles verstehen. Und du musst ganz sicher nicht alles aushalten, um bewusst zu sein. Manches, was dich stört, ist tatsächlich ein Spiegel. Und manches ist einfach ein klares Nein deines Systems. Bewusstsein bedeutet nicht, dich ständig zu hinterfragen. Bewusstsein bedeutet, dir selbst wieder zu glauben. Also vielleicht ist die ehrlichere Version dieses Satzes: Nicht alles, was dich stört, bist du selbst. Aber alles, was dich stört, darfst du ernst nehmen.
Du möchtest deine wirklichen Trigger erkennen und besser mit ihnen umgehen? Dann schau gerne hier vorbei:
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